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In eigener Sache:

BESONDERE MENSCHEN, BESONDERE BÜCHER:
DER VERLEGER PIET MEYER IM PORTRÄT


Steirerkrone
Foto: Jacqueline Godany, Wien (© Jacqueline Godany, 2012)
»Ich hab’ da noch eine Kleinigkeit«

Besondere Menschen, die uns mit besonderen Büchern beglücken, wollen wir Ihnen in den kommenden Wochen vorstellen. Den Beginn machen wir mit dem in Wien lebenden Schweizer Verleger Piet Meyer, der sich seit 2007 mit seinen Kunstbuch-Preziosen einen Namen gemacht hat.

»Die Zeit der großen Kunstkataloge ist vorbei«, verkündet Piet Meyer fast beiläufig im Gespräch in seinem Wiener Büro. Kaum noch jemand habe die Zeit sich durch Wälzer über einen Künstler zu arbeiten. »Mein Ziel ist es, Texte zu finden, in denen man in relativ kurzer Zeit etwas Substantielles erfahren kann«, beschreibt er.
Meyer kommt aus einer sehr kunstaffinen Familie – sein Vater war Direktor des Kunstmuseums in Basel. Doch dieser Welt musste er erst einmal entkommen: Viele Jahre arbeitete er als Ethnologe in Afrika, ehe er zu den familiären Wurzeln zurückkehrte. Tage und Wochen verbrachte er vor der Verlagsgründung 2007 in Bibliotheken, durchforstete alte Kunstmagazine: »Ich wollte kein akademisches Geschwafel, sondern Texte mit persönlichem Zugang zu Künstlern.« Hunderte solcher Schätze hat er in der Schublade, von denen er pro Saison eine Handvoll veröffentlicht. Täglich kommen neue Ideen dazu...

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Christoph Hartner

Kronenzeitung - Steirerkrone, 13. August 2013; © Alle Rechte vorbehalten. Tageszeitung, Graz.



Piet Meyer
Ein Verleger auf Schatzsuche


Der Verleger ähnelt auch ein wenig einem Wahrsager: Piet Meyer in seiner Zürcher Wohnung.
Foto: Ursula Häne, Zürich (© Ursula Häne, 2013)
Der 59-jährige Basler Piet Meyer, der zwischen Wien und Zürich pendelt, etablierte innerhalb weniger Jahre einen viel beachteten Kunstbuchverlag.

Gegenüber elektronischen Medien haben Bücher den unschlagbaren Vorteil, dass man sie haptisch erfahren und in ihnen schmökern kann. Sind sie zudem liebevoll gemacht und inhaltlich überzeugend, spricht der Buchliebhaber begeistert von Preziosen. Genau auf dieses Genre setzt Piet Meyer.

Geboren 1953 in Zürich und aufgewachsen in Bern und Basel, hat der studierte Ethnologe und Afrikaspezialist im Alleingang einen Kunstbuchverlag mit Hauptsitz in Wien aufgebaut, der entgegen pessimistischen Stimmen über die Zukunft der Branche beachtliche Auflagen umsetzt. Verwoben mit der Kunstwelt war Piet Meyer freilich seit seiner Kindheit. Sein Vater war der hoch angesehene Schweizer Kunsthistoriker Franz Meyer, seine nach Paris emigrierte Mutter stammt aus einer jüdisch-russischen Dynastie, die kulturell wie politisch von Bedeutung war.


Piet-Meyer-Bücher schmückt ein hübsch gezeichneter Koffer, der an die Zeiten Joseph Conrads und dessen Schiffsreisen erinnert. Er ist geöffnet, aber hinein-
schauen kann man nicht. Prosaisch wird ein solches Signet »Verlagslogo« genannt, diese Zeichnung allerdings versetzt einen ins Träumen und weckt Fragen. Verbirgt der Koffer etwas? Oder soll er erst noch gepackt werden? Und wenn ja, wohin geht wohl die Reise?

Die kleine Zeichnung hatte Piet Meyer bei der Gründung seines Verlags 2007 ausgewählt, weil er in ihr eine Schatzkiste sieht, die es zu heben gilt. »Die Kiste steht am Strand der Buchwelt«, sagt der 59-Jährige, »und verbirgt viele wunderbare Buchideen.« Neunzehn davon hat er inzwischen in Bücher verwandelt und diese, je nach Umfang, den eigenwillig benannten drei Reihen die »KleineBibliothek«, die »NichtSoKleineBibliothek« und die »KapitaleBibliothek« zugeordnet. In Letzterer erschienen jüngst viel beachtete Gespräche des englischen Kunsthistorikers Martin Gayford mit David Hockney sowie ein Band über den Diebstahl zweier William-Turner-Bilder 1994, geschrieben von Sandy Nairne, dem Direktor der Londoner National Portrait Gallery.

Suchen und finden

In Wahrheit hat Piet Meyer natürlich keine prallvolle Schatzkiste gefunden, sondern über Jahre Kunstzeitschriften, Bibliotheken und Archive durchforstet, ehe er als Büchermacher loslegte. Denn auch Ideen muss man sich erarbeiten. Als leidenschaftlicher Leser waren ihm immer schon Texte aufgefallen, deren AutorInnen offensichtlich hochinteressante Quellen verwendeten, die man veröffentlichen sollte. Doch erst in der Pariser Buchhandlung Librairie La Hune fügte sich alles zusammen. Dort erwarb er liebevoll gemachte Bändchen des Pariser Kleinverlags L’Échoppe, las diese noch in derselben Nacht durch und begriff: »So etwas will ich auf Deutsch machen.«
»Wenn man auf dem richtigen Weg ist«, erinnert sich Meyer an die lange Zeit der Recherche, »sucht man nicht, sondern findet, wie Pablo Picasso einmal sagte.« Über zweihundert Buchideen ruhen noch in einer Schublade. Gefunden hat er sie vor allem beim Durchblättern ganzer Jahrgänge legendärer Kunstzeitschriften. Publiziert sind nun beispielsweise Erinnerungen des deutschen Philosophen Georg Simmel an einen Besuch bei Auguste Rodin 1905, kontroverse Reaktionen der Schweizer Presse auf eine Visite von Pablo Picasso 1932 in Zürich, ein Brief Edmond Renoirs über seinen Bruder Auguste an die Pariser Presse oder von KünstlerkollegInnen aufgezeichnete Begegnungen mit Jackson Pollock.
Auch sehr ausführliche Gespräche hat Meyer herausgegeben, zum Beispiel von Donald Kuspit mit Louise Bourgeois und von Michael Peppiatt mit Francis Bacon, oder die vergnüglichen Memoiren von Marcel Duchamps wenig bekannter erster Ehefrau Lydie Sarazin-Levassor. Es sind solch persönlich gefärbte Texte, die es ihm angetan haben. Aus ihnen kann man sehr viel über die Beweggründe der Künstlerinnen und Künstler lernen.
Modisch abgehobene Diskurse hingegen mag Meyer gar nicht, denn er hat selbst viel zu viel erlebt: in seiner Jugend, die er als »nicht einfach« beschreibt, als studierter Ethnologe bei Feldforschungen in Afrika oder als Kurator und Spezialist für afrikanische Stammeskunst am Zürcher Museum Rietberg und im Kölner Rautenstrauch-Joest-Museum für Völkerkunde.

Toggenburg und Russland

Aufgewachsen ist Piet Meyer mit seinen zwei Jahre jüngeren Zwillingsschwestern in Bern und Basel, in einer »kunstaffinen Familie«, wie er es distanziert formuliert. Tatsächlich war sein Vater Franz Meyer Kunsthistoriker, Vorgänger von Harald Szeemann an der Berner Kunsthalle und ab 1961 Direktor des Kunstmuseums Basel, ein Mann aus einem nach Zürich eingewanderten Toggenburger Geschlecht, der ganz in seiner Berufswelt aufging. Piet Meyers Mutter stammte aus einer russischen Dynastie, die Politiker wie Kunstschaffende hervorbrachte. Einer ihrer Onkel beispielsweise entwickelte nach der russischen Revolution in Petrograd den Fünfjahresplan.
Bei den Meyers zu Hause sprach man Französisch, denn die Mutter und ihre Eltern waren noch kurz vor Lenins Tod in den zwanziger Jahren nach Paris emigriert. Schweizerdeutsch lernte Piet Meyer erst mit neun Jahren, nach dem Umzug von Bern nach Basel. Er sei ein hybrider Mensch, der sich weder in der Schweiz noch in Frankreich oder in Wien ganz heimisch fühle, von wo aus er heute hauptsächlich seine Geschäfte führt.
Sein Ethnologiestudium sieht er als einen emanzipatorischen Akt. Obwohl ihm Kunst durchaus zusagte und er immer auch Ausstellungen besuchte, wollte er der in der Familie omnipräsenten Kunstwelt etwas entgegensetzen. Erst viel später nahm er diesen Faden wieder auf. Als Ethnologe zwangsläufig, weil er ohne die Spezialisierung auf afrikanische Kunst kaum eine Kuratorenstelle bekommen hätte. Später dann freiwillig, wie er sagt, »um mich kundig zu machen und mit dem Verlag mein eigenes Terrain zu bestellen«.

Wahrsager und Heiler

Während des Studiums an der Universität Basel hatten Meyer vor allem die kognitiven Denkprozesse in der Wahrsagerei interessiert, speziell im frankofonen Westafrika. Insgesamt ein Jahr lang beobachtete er in den siebziger Jahren vor Ort die Wahrsagerituale der Lobi in Burkina Faso, die er als ein damals freundliches und lustiges Volk schildert, wie er es nirgends sonst gesehen habe. Divinatorische Systeme findet man überall in der Welt, doch während die Wahrsagerei in hierarchischen Staaten wie bei den Sumerern oder im alten China SpezialistInnen vorbehalten war, können in egalitären Gesellschaften diese Funktion alle – zumindest alle Männer – übernehmen. Heiler oder Priester leben bei den Lobi von der Bewirtschaftung ihrer Felder.
Versagt der gesunde Menschenverstand, wenden sich Lobi an einen Wahrsager, der während einer Sitzung, die sich über zwei Stunden hinziehen kann, einem Geist im Raum in rasendem Tempo und hochritualisiert Hunderte von Fragen stellt. Am Ende gehen sie im positiven Fall mit einer Aufgabe nach Hause, etwa ein kleines Opfer zu bringen, ein Gebet zu sprechen, etwas in den Sand zu zeichnen oder ein Fest zu organisieren. Im negativen Fall suchen sie sich einen anderen Ratgeber. »Dieser Fragepfad des Wahrsagers«, erinnert sich Meyer, »und das Erlebnis, wie in einem 200-Seelen-Dorf im Busch alles mit allem zusammenhängt, haben mich unendlich fasziniert.«

Verleger und Dorfgeister

Im übertragenen Sinn ähnelt die Verlagsbranche durchaus einem Wahrsagebetrieb. Jedenfalls muss ein Verleger ein Gespür dafür haben, welche Titel ankommen. Die meisten Kunstbuchverlage setzen da auf aktuelle Museumsprogramme und auf eine substanzielle Vorfinanzierung durch Ausstellungsmacherinnen oder Mäzene. Entsprechend vorhersehbar sind dann die neuen Titel. Meyer orientiert sich zwar ebenfalls an Äusserlichkeiten wie Jubiläen, etwa dem 100. Geburtstag von Louise Bourgeois 2011, von Jackson Pollock 2012 oder von Wols 2013, setzt aber vor allem auf Übersetzungen wie beim David-Hockney- oder dem William-Turner-Buch und natürlich auf seine Schatzkiste. Dieses Frühjahr wird er daraus neben Wols ein weiteres Louise Bourgeois gewidmetes Werk hervorziehen, das, wie oft in diesem Verlag, beachtliche literarische Qualität hat.
Trotz all seiner Erfahrung mit Dorfgeistern täuscht sich freilich auch Meyer manchmal. Als Quereinsteiger und Solist ohne festangestellte MitarbeiterInnen hat er eine harte Schule durchlaufen. Zu Fragen über Lizenzen, Rechte, Gestaltung, Druck und Binden bis Marketing und Vertrieb musste er sich viel Spezialwissen aneignen. Vorsichtig begann er deshalb mit einem kleinen Programm und kleinen Auflagen. Mit dem wachsenden Erfolg hat sich das geändert. Inzwischen kann Meyer auch mal eine Startauflage von 5000 Stück ansetzen und jetzt pro Jahr fünf neue Titel herausbringen.
Mittlerweile hat es sich in der Kunstwelt herumgesprochen, dass Piet-Meyer-Bücher ausgesprochene Preziosen sind, in denen von der Bildauswahl bis zu den erläuternden Begleittexten alles stimmt. Diese Verlässlichkeit überzeugte nicht nur den arg strapazierten Buchhandel. Sie war für den renommierten Londoner Verlag Thames & Hudson ausschlaggebend, die deutschen Rechte am Hockney-Buch einem Kleinverlag aus Wien zu übertragen.
In der Schönheit des Buchobjekts sieht Meyer zudem eine Chance, um gegen die anwachsende Flut von E-Books zu bestehen. Im Unterschied zu vielen anderen Verlagen bietet er elektronische Versionen schon gar nicht erst an. Wie gute Kunst ist auch das Büchermachen eine Frage der Haltung.

André Behr

Wochenzeitung (WoZ), Nr. 1 + 2, 10. Januar 2013; © Alle Rechte vorbehalten. Wochenzeitung, Zürich.



Nur was mich selbst packt,
wird verlegt


Piet Meyer in seinem Wiener Verlagsbüro
Foto: Jacqueline Godany, Wien (© Jacqueline Godany, 2012)
Fünf Bücher pro Jahr, und fast alles im Haus liegt in der Hand des Chefs: ein Besuch im Piet Meyer Verlag, der vor einem Jahr aus Bern nach Wien umgezogen ist. Hier wird mit schön gestalteten Veröffentlichungen dem Trend zum E-Book getrotzt.

»Kommen Sie mal, ich zeig Ihnen was!« Auf dem hochauflösenden Flachbildschirm erscheinen zwei Konzepte für den Umschlag und das Innencover eines Buches. Bei dem einen Entwurf ist das innere Papier in einem dunklen Grünblau, beim anderen in einem helleren Grün mit zyklamfarbiger Umrandung gehalten. »Ich tendiere ja eher zum blauen. Aber da ist noch nichts entschieden.« So freundlich, aber bestimmt spricht Piet Meyer, Besitzer, Chefredakteur, Autor des gleichnamigenVerlages. Das Buch des englischen Kunstkritikers Martin Gayford, um das es sich in diesem kurzen Einblick handelt, erschien 2011 in Großbritannien unter dem Titel »A Bigger Message – Conversations with David Hockney«. Piet Meyer hat sich dafür sofort die Rechte gesichert und wird den Band nun in deutscher Übersetzung herausbringen.

Mit Martin Gayford und speziell mit dessen Verlag Thames & Hudson konnte Meyer schon Erfahrung sammeln. Er verlegte deren Buch »Mann mit blauem Schal« über eine insgesamt rund 250 Stunden lange Porträtsitzung und die dabei geführten Gespräche mit dem im Juli 2011 verstorbenen Maler Lucian Freud. Nach dessen Tod war der Band sofort ausverkauft, die zweite Auflage geht immer noch erstaunlich gut. Das liegt zum einen selbstverständlich am Anlass – kaum etwas scheine verkaufsfördernder als solche Ereignisse, Ähnliches erreiche man nur mit Jubiläen, wie zum Beispiel hundertsten Geburtstagen, räsoniert Meyer –, zum anderen, und da schwingt bei dem Verleger nicht zu Unrecht ein gewisser Stolz mit, an der hervorragenden Qualität des Buches. Der Inhalt des Lucian-Freud-Buches hätte ihn sowieso interessiert. Dazu kam aber noch die Gediegenheit der Publikation, für die Thames & Hudson in der Branche einen guten Ruf genießen.

Bei den Lizenznehmern für seine Veröffentlichungen besteht der englische Verlag allerdings auf recht rigiden Vorgaben, bis hin zur Mitsprache bei Layout, Seitenzahl und sogar Impressum. Ein ursprünglich bei Thames & Hudson erschienenes Buch soll auch in jeder fremdsprachigen Ausgabe wie das Londoner Original aussehen. Immerhin hatte Piet Meyer bei der Auswahl seiner Druckereipartner freie Hand. Ein erstes Anbot hatte zwar die formalen Kriterien völlig erfüllt, beim Inhalt wäre dagegen nicht alles erhalten geblieben, benötigt die deutsche Sprache doch etwas mehr Raum als das Englische. Den Lizenzgebern war so viel Präzision durchaus nicht unangenehm, für Piet Meyer bedeutete das aber einiges an Mehrarbeit. Nur so jedoch kann die von ihm selbst angestrebte Güte auch erbracht werden.

Angefangen hat sein Einmannbetrieb 2007 in Bern, wo der hochgebildete und von jeher kunstbegeisterte Ethnologe (Spezialgebiet Afrikanistik) das erste Buch im Eigenverlag herausbrachte. Ein nahezu vergessener Text des Philosophen und Soziologen Georg Simmel (1858 bis 1918), »Bei Auguste Rodin in Paris – 1905«, über einen Besuch in dessen Atelier bildete den Grundstock der ersten Reihe, genannt die »KleineBibliothek«. Der Name ist in gewisser Weise auch schon Programm: Nur wenig größer als das DIN-A6-Format gehalten, umfasst bislang nur ein einziges dieser Bändchen mehr als hundert Seiten. Die Reihe wird fortgeführt; meist werden darin kürzere, von Meyer wiederentdeckte Schriften zu bildenden Künstlern, Kunstgeschichte oder Kulturphilosophie veröffentlicht.

Der aus Basel stammende, zweisprachig aufgewachsene Verleger nennt diese Raritäten liebevoll »Trouvaillen« – Fundstücke. Im Frühjahrsprogramm des Verlags Piet Meyer erscheint anlässlich des hundertsten Geburtstages der Künstlerin Agnes Martin bereits Band 8: ein Bericht der Malerin Marischa Burckhardt über eine Reise zum mexikanischen Domizil von Agnes Martin. Die Idee zu diesem Buch hatte Meyer bereits vor Jahren. Als er dann seinen Verlag begründete, merkte er, wie viel er noch über die geschäftliche Seite zu lernen hatte. Eine fast nur Experten bekannte Künstlerin wie Agnes Martin braucht eben dringend solche Anlässe wie runde Jubiläen, damit das Buch nicht wie Blei im Laden liegen bleibt. Schließlich will ein Verleger ja Bücher verkaufen und wenigstens die Gestehungskosten einspielen – besonders, wenn in jedem einzelnen Band nicht nur Kapital, sondern auch derart viel eigene Arbeit und Ideen stecken.

Doch nicht nur ökonomische Kniffe mussten beim Vorwärtsschreiten auf dem Pfad der verlegerischen Tätigkeit erlernt werden. »Jeder spricht mit dir sein Fachchinesisch, und erwartet, dass du alles sofort verstehst. Die Grafiker, die Drucker, alle«, sagt Meyer. Nicht zu vergessen die Anwälte, besonders diejenigen, die »Trusts« oder »Estates« vertreten. Agenturen und Leute eben, die Urheberrechte von Kunstschaffenden verwalten und mit denen Verlage, die auch gern Abbildungen von Künstlerinnen, Künstlern und deren Werken in ihren Büchern zeigen wollen, naturgemäß nicht selten zu tun haben. In der schlechtesten Verhandlungsposition, nämlich genaugenommen in gar keiner, ist man als Kleinverlag bei den wirklich großen, weil universal bekannten Namen. Pablo Picasso etwa oder auch Louise Bourgeois. »Es gibt da viele, viele Punkte, die ich als nervenaufreibend empfinde«, sagt Piet Meyer mit müdem Lächeln. Ein paar Male sei er schon nahe dran gewesen, ein Vorhaben ganz aufzugeben, gesteht er freimütig. Bei einem seiner Bände (Walter Mehrings »Paul Klee – Frühe Begegnung«) hat er es dann so gehalten, dass er zur Illustration nur solche Bilder verwandte, für die keine Agentur irgendwelche besonderen Verwertungsrechte besaß.

Als zweite Reihe etablierte Meyer im Jahr 2009 – wieder stand ein runder Geburtstag an, der von Francis Bacon – die »NichtSoKleineBibliothek«. Der Name sei ein Witz, sagt Piet Meyer heute, aber ein guter! Immerhin empfahl diese Zeitung die Lektüre des ersten Bands, eines »unprätentiösen und taktvollen Essays« von Michael Peppiatt, wärmstens (F.A.Z. vom 29. Januar 2010). Mit der dritten Reihe, der »KapitalenBibliothek«, konnte dann endlich auch umfangreichen Werken wie etwa Lydie Fischer Sarazin-Lavassors Erinnerungen (immerhin für sieben Monate war sie die Ehefrau von Marcel Duchamp) ein passender Rahmen geboten werden.

Piet Meyer ist, das darf man so sagen, ein Besessener. Besessen von der Idee, schöne, interessante und keineswegs alltägliche Bücher zu fabrizieren, betont er, dass er seine Projekte immer zuerst aus der Perspektive des Lesers betrachtet. Was ihn selbst packt, mit Neugier füllt, das macht er gern, dafür arbeitet er dann auch bisweilen ohne Pause, ohne Wochenende sowieso. Dass er daneben noch die Zeit findet, lästigen Journalisten freundlich Auskunft zu geben und stundenlang Rede und Antwort zu stehen, verblüfft umso mehr, als er – ebenfalls ein Zug von Besessenheit – sich wirklich selbst um jedes Detail der Herstellung kümmert, ja, kümmern muss. Nur so sieht er ein einheitliches Profil seiner Publikationen gewährleistet.

Freilich, das überraschende Medieninteresse an seinem Verlag seit den letzten spektakulären Veröffentlichungen ist werbewirksam, aber sein persönlicher Einsatz geht von der Produktionszeit ab. Bei großen Kunstverlagen wie DuMont oder Hatje Cantz (um nur zwei zu nennen), die im Jahr vierzig oder gar fünfzig neue Titel auf den Markt bringen, vermisst er ein derart geschärftes Profil. Als Leser vermisst er es, aber auch als Wettbewerber. Andererseits freut sich Piet Meyer, dass er dadurch in seiner selbstgewählten Sparte mehr Spielraum hat. Zwei Titel im Frühjahrsprogramm, drei im Herbst, das ist gerade noch gut zu bewältigen. Und warum ist er vor etwas mehr als einem Jahr aus Bern nach Wien umgezogen? Mittlerweile hat er hier eine tolle Grafikerin gefunden und auch eine Druckerei, die seinen Ansprüchen genügt. Er meint nur lakonisch: »Mal schauen, wie das hier wird.«

Martin Lhotzky

Frankfurter Allgemeine Zeitung, »Bilder und Zeiten«, Nr. 78, 31. März 2012; © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv.



Lesender und Liebender


Piet Meyer in seinem Wiener Verlagsbüro
Foto: Carlo Bernasconi, Zürich (© Carlo Bernasconi, 2011)
Vier Jahre ist Piet Meyer schon Verleger. Von Basel aus zog es ihn nach Wien. Kein schlechter Ort für einen von der Kunst Besessenen: Am Rande wird der Blick aufs Schöne schärfer und gründlicher.

Tatsächlich. Die österreichische Kapitale, Weltstadt außer Diensten, seit das kaiserlich-königliche Weltreich untergegangen ist, liegt am Rande der westlichen Welt und pflegt seit je den kunsthistorischen Blick auf den Osten. Piet Meyer, dessen Verlag in herrschaftlichen Räumen (für unsere Verhältnisse, wohlverstanden) im ersten Bezirk Wiens residiert, jedoch wendet den Blick nicht nach Osten, sondern nach Westen. Obschon sein Kunstverstand im Süden der Weltkugel gebildet wurde. Dass der Piet Meyer Verlag, am 1. Januar 2007 in Basel gegründet, nun von Wien aus betrieben wird, hat vorzugsweise private Gründe.

Derzeit herrscht kein Mangel an Aufmerksamkeit für seine Bücher. Oder für ein Buch: »Pablo Picasso in Zürich 1932«, das zur Rekonstruktion von des Meisters erster Museumsausstellung außerhalb Paris im Zürcher Kunsthaus aufgelegt worden ist. Nicht als irgendwie offizielles Buch. Sondern aus Antrieb Meyers, der sich mit Picasso eingehend beschäftigt hat (und es noch immer tut). Gelesen auf dem Flug von Wien nach Zürich enthält es eine wundervolle Vielzahl von Aperçus über Picassos Besuch in Zürich und seine Bewunderung für den Himmel über dem Zürichsee – aber nein, doch. Meyer versteht es, die Visite des Meisters einzubetten in den kunst- und gesellschaftshistorischen Kontext am Vorabend der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten und gibt damit zur Kenntnis, wie sehr damals die Kunst Picassos die BesucherInnen der Ausstellung entzweite.

Piet Meyer ist Kunsthistoriker mit ethnologischer Schlagseite. Er lebte in Paris, er war jahrelang unterwegs in Afrika und gilt als »Afrikanist«; Fachleute, die sich in der art brut des Schwarzen Kontinents auskennen. Davon hatte er vor einigen Jahren genug und kam über seine Leidenschaft als Lesender und Liebender zum eigenen Verlag. Liebender meint hier ganz im heiteren Sinne des Wortes die Zuneigung zum Text, zu Schätzen von Texten, die zu heben er sich zur Aufgabe gemacht hat. Und seine Zuneigung im Buch über Picassos Besuch mit seinen kunsthistorischen Kenntnissen bereichert, so dass auch die Lesenden von seiner Liebe gepackt werden. Besonders stolz ist Meyer darauf, die Texte des ehemaligen Kunstgeschichteprofessors Gotthard Jedlicka wieder veröffentlicht zu haben. Beispielsweise über dessen Begegnung mit Henri Matisse im Jahre 1931 in Paris.

Meyer ist ein im guten Sinne »altmodischer« Verleger, der von den Inhalten her denkt und eine Nische im Kunstbuchmarkt besetzt hat, die vom Text lebt und nicht von der Opulenz eines Bildbandes. Die Beschränkung ist keine intellektuelle Überheblichkeit. »Die Beschaffung von Bildrechten, von Druckvorlagen wird von Jahr zu Jahr teurer, und das ist eigentlich der Tod jedes mittleren und kleinen Kunstbuchverlags«, gibt er unumwunden zu. Denn mit den Granden des Betriebs, Hatje Cantz oder DuMont, will er nicht mithalten. »Wieso soll ich mich dort tummeln?«, fragt sich Meyer und gibt auch gleich die Antwort. »Ich versuche dazwischen einen Weg zu finden, als Einmannbetrieb«, sagt er. Das funktioniert mal besser, mal schlechter. Die Bücher werden von Guido Widmer in Zürich gestaltet, Markus Wieser verkauft sie in die Buchhandlungen, und Piet Meyer ist darauf angewiesen, dass Mäzene ihn nicht fallen lassen. Andererseits »bin ich jeden Tag in der Woche im Verlag, sonst wäre das nicht machbar«, sagt der Verleger.

Zwar muss sich auch Meyer nach der Decke strecken. So wird im Frühjahr 2011 nur gerade eine Novität erscheinen – sei's drum. Er jedenfalls wird sich nicht dem Vorwurf aussetzen, die Überproduktion anzuheizen. Und sich auf die Qualität der Texte und der Ausstattung konzentrieren. »Auf Grund des mäzenatischen Modells kann ich mir erlauben, mehr vom Inhalt her zu denken«, betont Meyer – und man sieht es dem Programm an, das in der KleinenBibliothek, der NichtSoKleinenBibliothek und in der KapitalenBibliothek gewiss Raritäten und Preziosen des Kunstbetriebs feil hält – so praktisch, dass sie neben der Kasse Platz finden, sei es im Buchhandel oder im Kunsthausshop. Und wem es nach längerer Lektüre dürstet, greift mit Vorteil zu Lydie Fischer Sarazin-Levassors Bekenntnis Meine Ehe mit Marcel Duchamp.

Carlo Bernasconi

Schweizer Buchhandel, Heft 1/2011, 1. Januar 2011; © Alle Rechte vorbehalten. Schweizer Buchhandel, Zürich.



Erlesen


Wegweiser ins Herz der Malerei

»Die Malerei und die Bücher haben eines gemeinsam: Sie werden in unseren Tagen andauernd totgesagt, von mehr oder weniger gescheiten Leuten, aus mehr oder weniger guten Gründen. Aber sie tun uns den Gefallen nicht. Gegen allen Zeitgeist werden weiterhin Bücher produziert und Bilder gemalt. Der Verlag, von dem hier die Rede sein soll, verkörpert beides in Personalunion; er macht nämlich wunderbare Bücher – über die Malerei. Er nennt sich, so wie der Verleger selber, Piet Meyer und sitzt in Bern. Das Programm ist schmal und erlesen, die Bücher schön gemacht und sorgfältig ediert, kurzum, eine Freude. Kein Grund zum Kulturpessimismus, solange es solche Verlage gibt (und es gibt, nebenbei bemerkt, eine ganze Reihe davon).«

Walter Klier

Wiener Zeitung, »Bücher aktuell«, 24. Februar 2012; © Alle Rechte vorbehalten. Wiener Zeitung, Wien.

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